Autor: Carmen Junker 2. August 2016

Low Waste – Wider die Wegwerfgesellschaft

[schema type=“review“ description=“Zusammenfassung: Die Müllerberge wachsen. Besonders der Anteil an Verpackungsmüll hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Viele innovative und  auch wiederbelebte Ideen regen an zum Müllvermeiden und zum bewussten Konsum.“ ]

 

 

Verpackungsmüll macht aktuell einen Großteil des Müllaufkommens aus - auch in Privathaushalten.

Verpackungsmüll macht aktuell einen Großteil des Müllaufkommens aus – auch in Privathaushalten.

Ein durchschnittlicher Erwachsener wiegt in Deutschland 76 Kilogramm und produziert pro Jahr 453 Kilogramm Haushaltsmüll. Ob das Durchschnittsgewicht eine Diät erfordert, ist von unterschiedlichen Faktoren wie Körpergröße und Gesundheitszustand abhängig. Die Müllmenge pro Kopf sollte jedoch der Umwelt zuliebe dringend reduziert werden. Und nicht zu vergessen, auch Recycling-Verfahren sind energieaufwändig und stellen keinen Freibrief für eine Wegwerfkultur dar.

 

Die rund neun Zentner Haushaltsmüll pro Person setzen sich zusammen aus sogenannten Wertstoffen wie Glas, Papier und Plastik. Dazu kommen Haus- und Sperrmüll, Elektroschrott, organische Abfälle und – als kleinsten Anteil – sonstige Abfälle.

 

 

Verpackungsmüll nimmt zu

Mehr als 200 Kilogramm vom gesamten Abfallaufkommen entfallen mittlerweile auf Verpackungsmüll. Dafür gibt es im Wesentlichen drei Gründe: Zum einen werden Lebensmittel zunehmend mehrfach verpackt. So steckt das Frühstücksmüsli beispielsweise nicht nur im Plastikbeutel, sondern wird dazu noch im Umkarton verpackt. Praktisch für die Industrie, denn Schachteln lassen sich passgenau stapeln; praktisch für den Handel, denn die Packung wirkt größer. Unpraktisch für die Umwelt, denn zwei produzierte Verpackungen müssen entsorgt werden.

 

 

Draußen nur Kännchen? – Nein, Einwegbecher!

Kaffeetrinken unterwegs geht auch ohne Abfall.

Kaffeetrinken unterwegs geht auch ohne Abfall.

Ein weiterer Grund liegt strukturell in der steigenden Anzahl an Single-Haushalten. Kleinere Produkteinheiten sind im Vergleich zu Großpackungen stärker verpackt. Dazu kommt noch, dass der Trend zu Speisen und Getränken außer Haus geht. Diese sind meist aufwändig verpackt. Inbegriff dieser Entwicklung ist der Kaffee-to-go-Becher. Diese bestehen im Allgemeinen aus Papier, das mit Kunststoff beschichtet ist und entsprechend nicht recycelt werden kann. Laut Berechnungen der Deutschen Umwelthilfe fallen in Deutschland jährlich 2,8 Milliarden Einweg-Kaffeebecher an, die im allgemeinen in der Müllverbrennung landen. Um diese Menge an Bechern herzustellen, werden an Rohstoffen noch 64.000 Tonnen Holz, 1,5 Milliarden Liter Wasser und 11.000 Tonnen Kunststoff benötigt. Hinzu kommt noch der Energieaufwand, mit dem eine Kleinstadt ein Jahr lang versorgt werden könnte.

 

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Online-Versender: Wenn der Postmann täglich klingelt

Drittes Puzzleteil beim hohen Anteil an Verpackungsmüll ist der rasante Anstieg des Internet-Handels. War das Klingeln des Paketdienstes noch vor zwanzig Jahren in einem Privathaushalt nur selten zu hören, ist es heute nicht ungewöhnlich, dass unterschiedliche Lieferanten mehrmals am Tag Pakete abliefern. Und hier stehen die Kartonagen häufig in einem absurden Verhältnis zum bestellten Produkt.

 

Mit seinem Anteil an Verpackungsmüll stellt Deutschland den Spitzenreiter im Vergleich zu anderen Ländern der Europäischen Union dar. Besonders stark gestiegen ist dabei der Anteil an Plastikabfall. Mitgespielt hat hier der psychologische Faktor: Die Einführung des „gelben Sacks“, also der Müllsammlung von Kunststoff als Wertstoff. Aber: Glas- und Papier erreicht durchgängig gute Recyclingquoten, Kunststoff wird jedoch überwiegend verbrannt.

 

 

Die Müll-Diät

Angesichts der produzierten Müllmengen ist das Nachdenken über den eigenen Abfall sicher sinnvoll. Generell zu beachten: Alles, was ich kaufe, wird irgendwann einmal Abfall sein. Gleichgültig, ob es sich um Lebensmittel handelt oder um einen Staubsauger. Nicht nur der Inhalt eines Produkts ist von Bedeutung, sondern auch die Verpackung. Fünf Ideen und Trends für eine Müll-Diät geben Anregungen für das alltägliche Leben.

 

  1. Die radikale Null-Diät

Zero Waste – keinen Abfall mehr produzieren. Ein Trend der zum Nachdenken anregt. Sicher sehr effektiv, jedoch, wie eine Null-Diät, schwierig durchzuhalten. Aktuell angeregt ist die Diskussion um die nahezu komplette Müllvermeidung von verschiedenen Bloggern, besonders durch Shia Su, die neben ihrem Blog „Wasteland Rebel“ ein Buch zum Thema veröffentlich hat. Ihr Restmüll eines Jahres passt in ein Einmachglas. Klar bei diesem Konzept: Nichts bleibt wie bisher, denn ohne „selbermachen“ und viel Eigeninitiative funktioniert der Zero-Waste-Lebensstil nicht. In einigen Großstädten etablieren sich „Unverpacktläden“, die direkt in die mitgebrachten Vorratsgläser und –dosen abfüllen und bei denen nur der Müll der Großverpackung anfällt. Ein Trend, der von vielen Verbrauchern durchaus begrüßt wird, denn unnütze Verpackungen bringen mittlerweile selbst gemäßigte Gemüter in Rage. Paradebeispiel hier: Die in Plastikfolie verpackte Salatgurken aus dem Supermarkt.

 

 

  1. Die Plastik-Diät

Einseitige Ernährung kann ein Problem sein, einseitig auf Plastik zu verzichten dagegen nicht. Die herkömmlichen Kunststoffe basieren auf Mineralölen, die Recyclingquote ist verschwindend. Bestenfalls erhalten Kunststoffabfälle in Pflanztöpfen, Gartenbänken oder Schulranzen ein zweites Leben. Besser also, Plastik erst gar keinen großen Raum im Alltag zu geben. Für viele Dinge des Haushalts gibt es ökologisch einwandfreie Alternativen, Büroartikel und Kosmetikprodukte befinden sich ebenfalls auf dem Vormarsch. Erfreulich: Der Verbrauch von Plastiktüten ist bereits stark zurückgegangen, denn nicht nur Supermärkte geben keine kostenlosen Tüten ab, auch bei vielen Bekleidungsgeschäften und Kaufhäusern haben Plastiktüten mittlerweile ihren Preis. Die Alternative ist denkbar einfach: Eigene Taschen mitbringen. Die Drogeriemarktkette DM macht es ihren Kunden noch einfacher, sie bietet Pfand-Stofftaschen an.

 

 

  1. Früher Henkelmann, heute Lunchbox

Selbstgemachte Mahlzeiten mitnehmen liegt im Trend.

Selbstgemachte Mahlzeiten mitnehmen liegt im Trend.

Früher eine Selbstverständlichkeit: Mahlzeiten zu Hause zubereiten und zur Arbeit, auf Reisen, für die Schule oder zu Freizeitaktivitäten mitnehmen. Der blecherne Henkelmann wird jetzt Lunchbox genannt und hat sich den Essgewohnheiten angepasst: Je nach Vorliebe präsentiert sich das Essen für unterwegs in der japanisch unterteilten Bento-Box oder dem Salatbecher mit integriertem Besteck und dem Extrafach für das Dressing. Dazwischen existiert natürlich auch noch die quasi zeitlose Brotdose. Nahezu verpackungsfreier Genuss für unterwegs. Ein weiterer positiver Aspekt im Zeitalter der Lebensmittelskandale und – unverträglichkeiten: Die Inhaltsstoffe sind bekannt.

 

 

 

  1. Hasenbrot, Resteverwertung, Foodsharing

Was früher an Proviant wieder den Weg nach Hause nahm, kam als Hasenbrot auf den Tisch. Die Erinnerung an Not- und Hungerzeiten war bis in die sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts noch so präsent, dass das Wegwerfen von Lebensmitteln nahezu undenkbar war. Aktuell landen jährlich rund 20 Millionen Tonnen an Lebensmitteln in Deutschland im Müll. Zum einen in privaten Haushalten, aufgrund abgelaufener Haltbarkeitsdaten, zu einem großen Teil jedoch bereits im Handel, der aussortiert, was etwaigen Qualitätsansprüchen nicht mehr genügen könnte. Angesichts weltweiter Hungerkatastrophen eine ethisch fragwürdige Praxis, denn hier geht es nicht nur um den Überfluss in unserem Land, sondern um den Einfluss des Massenkonsums in den Industriestaaten auf die Weltmarktpreise. Entsprechend steigen die Preise für Nahrungsmittel in Entwicklungsländern an und werden unerschwinglich. Gegentrend und Impulsgeber hier: Foodsharing-Initiativen, die Lebensmittel vor dem Müll oder auch aus dem Müll retten, verteilen, gemeinsam zubereiten oder weitergeben. Für einige Städte gibt es auch Apps, die einen Austausch von Lebensmitteln organisieren.

 

 

  1. Reparieren geht über Konsumieren

Wenn es sich nicht gerade um Lebensmittel und andere Verbrauchsgüter handelt, so lautet auch eine wichtige Frage zur Müllvermeidung: Wie lange ist das Produkt im Einsatz? Denn vermeintlicher Abfall kann durch eine Reparatur vermieden werden. Umweltfreundliches Verhalten wird hier jedoch von Industrie und Handwerk nicht ganz leicht gemacht: Vielfach werden Produkte mit geplanten Obsoleszenzen gefertigt. Das bedeutet, dass die Dinge nur eine bestimmte Zeit funktionieren und dann ersetzt werden müssen. Teilweise werden Kleinelektrogeräte nicht mehr verschraubt und lassen sich entsprechend nicht mehr öffnen. Eine Reparatur wird vielfach nicht angeboten oder liegt nahezu beim Neupreis. Die Konsequenz: Unterhaltungselektronik, Waschmaschinen, Kleingeräte und vieles mehr landen auf dem Müll. Entsprechend werden neue Produkte verkauft, die auch wieder aufwändig verpackt sind. Gegenkonzepte werden oft auf kommunaler Ebene geboten. Teils durch Reparaturwerkstätten die in Verbindung mit Arbeitsloseninitiativen stehen, teils durch regionale Leistungsverzeichnisse von Umweltverbänden. Hilfe und Unterstützung beim selbst reparieren bieten bundesweit auch sogenannte „Repair Cafés“. Was gar nicht mehr repariert werden kann, erfährt teilweise durch Upcycling-Projekte eine neue Verwendung oder dient als Ersatzteillager.

 

 

Die Welt nicht weiter überlasten

Müll vermeiden, bewusst mit den natürlichen Ressourcen umgehen, wichtige Schritte, um die Umwelt zu erhalten. Seit rund drei Jahrzehnten werden jährlich mehr erneuerbare Ressourcen verbraucht und mehr CO2 ausgestoßen, als die Erde innerhalb eines Jahres wieder bereitstellen beziehungsweise verkraften kann. Der Stichtag innerhalb eines Jahres, an dem dieses Vermögen aufgebraucht ist, wird als Earth-Overshoot-Day (auch World-Overshoot-Day) bezeichnet. Während 1986 die Menschheit dieser Berechnungn entsprechend ab dem 19. Dezember auf Kredit lebte, ist der Overshoot-Day seit dem kontinuierlich nach vorne gerückt und in diesem Jahr für den 8. August errechnet worden.

 

Ein bewusster Umgang mit unseren Ressourcen sowie sinnvolle und nachhaltige Geldanlagen können dazu beitragen, dass der Overshoot-Day wieder an Silvester statt findet.

 

 

 

Carmen Junker Verfasser des Beitrages:Carmen Junker ist Gründerin der Grünes Geld GmbH und Geschäftsführerin der Grünes Geld GmbH. Carmen Junker:“ Ein Grund mein berufliches Wirken speziell auf die Nachhaltige Geldanlage auszurichten ist, die Welt ein Stück positiver zu gestalten mit den Mitteln und Kenntnissen die mir zur Verfügung stehen. Aus der Verantwortung für die kommende Generation und weil ich selbst noch einige Jahre auf diesem schönen Planeten verbringen möchte“.

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